Manche Bücher lassen sich leicht lesen, andere hinterlassen Spuren. „Endstation Hoffnung“ von Andrea Frediani gehört zu der Sorte, die einen nicht mehr loslassen – selbst wenn man das Buch kurz zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Die Geschichte beginnt im Juni 1944. Isaia Maylaender trifft eine Entscheidung, die sein Leben unwiderruflich verändern wird. Seine Eltern werden mit einem Zug nach Auschwitz deportiert. Er könnte in Sicherheit bleiben, doch er entscheidet sich, ihnen zu folgen. Damit beginnt eine Reise, die von unfassbarem Leid, aber auch von menschlicher Stärke und Hoffnung geprägt ist.
Eine Geschichte, die an die Nieren geht
Die Geschichte wird mit einer Klarheit und Intensität erzählt, die tief berührt. Es gibt keine unnötigen Ausschmückungen, keine Effekthascherei – nur die rohe Realität einer Zeit, in der Menschlichkeit oft nur ein Funke war, der leicht zu erlöschen drohte. Gerade diese schlichte, fast nüchterne Sprache macht das Buch so eindringlich. Die Grausamkeit des Holocausts wird nicht in spektakulären Schockmomenten erzählt, sondern durch die alltäglichen Details, die sich nach und nach ins Bewusstsein graben.
Es gibt Bücher, die man trotz ihrer Thematik verschlingt, weil sie einen so sehr fesseln. Dieses Buch ist genau so ein Buch. Ich konnte es kaum weglegen, auch wenn ich es manchmal musste, weil die emotionale Wucht zu groß war. Es ist eine dieser Geschichten, bei der man das Gefühl hat, selbst im Zug zu sitzen, neben Isaia zu stehen, zu hoffen, zu bangen, den Atem anzuhalten.
Grausam und wunderschön zugleich
So widersprüchlich es klingt: Dieses Buch ist grausam und wunderschön zugleich. Grausam, weil es die dunkelste Zeit der Menschheitsgeschichte ungeschönt zeigt. Wunderschön, weil es dennoch von Menschlichkeit erzählt, von kleinen Gesten der Güte, von der Kraft der Hoffnung, selbst in noch so aussichtslosen Momenten.
Besonders nachdenklich stimmt mich, wie aktuell sich dieses Buch in der heutigen Zeit anfühlt. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber die Parallelen sind nicht zu übersehen. Während ich las, konnte ich nicht anders, als an unsere gegenwärtige politische Situation zu denken. Hass, Hetze, Ausgrenzung – es beginnt oft leise, mit Worten, mit Gedanken, mit „Die anderen sind schuld“. „Endstation Hoffnung“ führt uns schmerzhaft vor Augen, was passiert, wenn wir wegsehen, wenn wir es zulassen, dass Menschen entmenschlicht werden.
Ein Buch, das bleibt
Es gibt viele Romane über den Holocaust, aber dieser hier hat eine besondere Intensität. Vielleicht, weil Isaia keine klassische Romanfigur ist, sondern ein Mensch, der uns so nahekommt, dass es wehtut. Vielleicht, weil der Autor es schafft, historische Fakten und menschliche Emotionen so miteinander zu verweben, dass man nicht nur mitfühlt, sondern mitdenkt.
Ich kann dieses Buch uneingeschränkt empfehlen – nicht, weil es eine einfache Lektüre ist, sondern gerade weil es das nicht ist. Es ist ein Buch, das uns herausfordert, das uns zwingt, uns mit dem auseinanderzusetzen, was war, und darüber nachzudenken, was ist. Es ist eine Geschichte, die uns daran erinnert, wie zerbrechlich Menschlichkeit sein kann – und wie wichtig es ist, sie zu bewahren.
Ich arbeite in einem Buchladen und habe das Buch für uns bestellt. Ich hoffe, es erreicht viele Leser.
Werbung | |
Autor: Andrea Frediani Titel: Endstation Hoffnung Erschienen: 15. September 2024 | Herausgeber: SALON Literatur Verlag Seiten: 416 ISBN: 978-3-947404445 |